Osttimor: Aufstieg und Fall des Alfredo Reinado

Published Brennpunkt 241

Carole Reckinger & Sara Gonzalez Devant

Am 11. Februar 2008 kommt es in der Hauptstadt Osttimors zu einem mysteriösen Zwischenfall. Bei einer Attacke auf Präsident Ramos-Horta kommt es zu mehreren Todesopfern, darunter auch der mutmaßliche Anführer der Täter, Alfredo Reinado

Der Nachrichtenservice der UN-OCHA (UN-Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) meldete im Februar 2008, dass die entspannte Sicherheitslage in Ost-Timor – nur gelegentlich durch kleine Bombenexplosionen und einige provozierende Aktionen von Major Alfredo Reinado gestört - das Ausführen der dringend notwendigen Reformen erlaubt. Wenige Stunden später, am 11 Februar 2008, wurde Präsident Jose Ramos-Horta niedergeschossen und der Premierminister Xanana Gusmao Opfer eines Hinterhalts. Seither liegt Ramos-Horta im australischen Darwin im Krankenhaus, wo er erst 10 Tage nach der Tat aus dem Koma erwachte.

Gleich nach dem Anschlag auf die höchsten Amtsträger des Staates wurde der Ausnahmezustand ausgerufen und Haftbefehle gegen insgesamt 17 Verdächtige ausgestellt. Über 1000 Polizisten durchkämmten die Hügel rund um die Hauptstadt Dili auf der Suche nach den Abtrünnigen. Gesucht wurde vor allem nach Gastao Salsinha, dem neuen Anführer der Rebellen, nachdem der bisherige Leader, Major Alfredo Reinado, bei der Attacke auf den Präsidenten getötet worden war.

Nach den tragischen Ereignissen richtete sich die allgemeine Wut vor allem gegen die internationale Schutztruppe, die zur Aufrechterhaltung des Friedens im Land stationiert ist. Der timoresische Brigadegeneral Taur Matan Ruak zeigte sich empört, dass die internationalen Truppen offensichtlich unfähig sind, eine Gruppe bewaffneter Männer daran zu hindern die Hauptstadt zu betreten und einen Anschlag auf die höchsten Würdenträger des Staates auszuführen. Der Bruder des Präsidenten bezeichnete die UN-Polizisten gar als Feiglinge, die sich eher verstecken würden als den Präsidenten zu schützen.

Doch die Bedeutung dieser Attacke liegt weniger in dem Versagen der Sicherheitskräfte; vielmehr wurde dadurch die tiefe Identitätskrise sichtbar, die das Land beherrscht. Nicht nur die Tatsache, dass das Land fast seine beiden nationalen Ikonen - der Premierminister und ehemalige Freiheitskämpfer Gusmao, sowie der Präsident und Nobelpreisträger Ramos-Horta – verloren hatte, bewegt die Gemüter. Der Tod des aufstrebenden Idols der Osttimoresen und mutmaßlichen Anführers der Täter, Alfredo Reinado, wiegt fast ebenso schwer. Dem Major wurde ein regelrechtes Staatsbegräbnis zuteil, sein Sarg eingewickelt in die Flagge Ostimors. Einem BBC-Artikel zufolge wurden während der Zeremonie Transparente geschwenkt, auf denen Reinado in der gleichen heroischen Pose dargestellt war, in der üblicherweise Freiheitsheld Gusmao abgebildet wird.

Um die augenblickliche Lage in Ost-Timor verstehen zu können, ist eine ausgewogene Betrachtung vonnöten, zwischen den abstrakten institutionellen Herausforderungen des Landes einerseits und der öffentlichen Wahrnehmung eben dieser Herausforderungen auf er anderen Seite. Was bisher fehlte, ist eine Perspektive die sowohl die institutionellen, als auch die gesellschaftlichen Aspekte beleuchtet.

Die Krise von 2006

Im Zuge der Suche nach den Anhängern von Major Alfredo Reinado haben die Autoritäten das Militär und die Polizei unter einheitliches Kommando gestellt. Die Zusammenlegung der PNTL (Polizei) und der F-FDTL (Militär) für die Dauer des Ausnahmezustands war vom Ministerrat in einer Resolution beschlossen worden. Der bereits oben zitierte Brigadegeneral Taur Matan Ruak versprach in einer Pressekonferenz „das in die Sicherheitskräfte gelegte Vertrauen nicht zu enttäuschen und Ruhe und Stabilität wieder herzustellen.“

Die Entscheidung hat aber sogleich Kritiker auf den Plan gerufen, die bei einer Zusammenlegung von Polizei und Militär auch eine diffuse Aufgabenteilung zwischen beiden Kräften befürchten. Ohne klare Trennung zwischen interner und externer Sicherheit kann es zu Spannungen kommen, ähnlich wie jene im Jahr 2006. Damals hatte eine Pattsituation zwischen beiden Institutionen eine landesweite Krise ausgelöst, die zu 37 Toten sowie 150 000 Flüchtlingen führte und von der sich Ost-Timor immer noch nicht erholt hat.

Im April 2006 ging die Hauptstadt Dili in Flammen auf, nachdem ungefähr 600 Soldaten, etwa ein Drittel der Streitkräfte, gegen Diskriminierung innerhalb der Armee protestiert hatten und daraufhin kurzerhand entlassen wurden. Heftige Zusammenstösse zwischen der Polizei und der Armee führte zu einem Machtvakuum und dem Zusammenbruch von Recht und Ordnung im Land.

Beide Institutionen besitzen heute nicht mehr das Vertrauen der Bevölkerung. Mehrere Fälle von sexueller Belästigung, Menschenrechtsverletzungen und Waffenschmuggel haben die Glaubwürdigkeit der bewaffneten Kräfte schwer beschädigt, insbesondere die der PNTL (Polizei). Der frühere Innenminister Rogério Lobato wurde angeklagt und verurteilt, als man ihm nachweisen konnte, dass er in den ersten Tagen des Konfliktes Waffen an Zivilisten aushändigen ließ.

Die Krise von 2006 hat gezeigt, dass sich weder das Militär, noch die Polizei politisch neutral verhält. Waren ethnische oder regionale Disparitäten ehemals nur wenig präsent in Ost-Timor konnte man innerhalb beider Institutionen eine klare Fragmentierung nach politischen und regionalen Loyalitäten erkennen, die während des Konfliktes auf die Bevölkerung überging. Seit Mai 2006 versucht eine multinationale Friedenstruppe für Ruhe und Ordnung zu sorgen, doch eine Neuaufstellung der nationalen Sicherheitskräfte kommt trotz Bemühungen nur schleppend voran.

Major Alfredo, Symbol eines desillusionierten Osttimor

Major Alfredo Reinado ging als starker Mann aus der Krise von 2006 hervor. Seine Popularität innerhalb der Bevölkerung ist auch heute noch ungebrochen, obwohl er im Februar 2008 den Anschlag auf die zwei prominentesten Protagonisten des Befreiungskampfes ausgeführt hatte und dabei umkam. Ein BBC-Bericht warnte: „Es ist Besorgnis erregend, dass die junge Generation bereit ist einen Mann wie Reinado als Helden zu verehren, der 2006 die Waffen gegen die Regierung erhob und nicht bereit war sie niederzulegen. Major Reinado hatte nichts weiter anzubieten als die kontinuierliche Idealisierung des bewaffneten Kampfes, als Alternative zu der unglamourösen Aufgabe, einen funktionierenden Staat aufzubauen.“

Solche Analysen überschätzen allerdings die institutionelle Schwäche des timoresischen Staates und ignorieren, dass die Krise schon längst die Strassen von Dili erreicht hat. Der Aufbau eines Staates ist eine politische Frage, umso mehr nach einem Konflikt wie dem von 2006. Die heutige Popularität von Major Reinado geht vor allem von einer sozialen Krise aus, die seit 2006 ungelöst ist: die internen Vertreibungen.

Interne Vertreibung

Die überwiegende Mehrheit der während der Auseinandersetzungen von 2006 geflüchteten Menschen ist immer noch nicht in ihre Behausungen zurückgekehrt. Etwa 100.000 Vertriebene leben noch in Flüchtlingscamps, vor allem in der Hauptstadt Dili. Aus Furcht, diese Lager könnten zu dauerhaften Siedlungen und schlussendlich zu einem Sicherheitsrisiko werden, beschlossen die Autoritäten im Februar 2008 die Nahrungsmittelrationen herabzusetzen und sie im März gänzlich auszusetzen. Eine Entscheidung die zum denkbar schlechtesten Moment kam, da zu diesem Zeitpunkt bereits der Ausnahmezustand ausgerufen war.

Nichtsdestotrotz sind sich die Autoritäten sehr wohl bewusst, dass das Problem überaus komplex ist. „Die Lage der Vertriebenen ist eine politische und humanitäre Frage, sowie eine Gefahr für die Sicherheit, die nicht kurzfristig zu lösen ist“, erklärte der Unterstaatssekretär für die Friedensmission in einer offenen Debatte des Sicherheitsrats. Atul Khare, der UN-Gesandte in Osttimor meinte, dass die Wiederansiedlung der Vertrieben deshalb so komplex ist, weil Fragen des Landrechts ungeklärt sind und Heimkehrende oft mit Feindseligkeit von Seiten der Ansässigen konfrontiert werden.

Sein Stellvertreter verdeutlichte die Situation in einem Interview: „Für viele Vertriebene ist unmöglich zurückzukehren, da die Menschen in ihren Heimatgebieten sie ganz einfach nicht haben wollen. Etwa 6000 Häuser sind niedergebrannt und nur 450 provisorische Hütten wieder aufgebaut worden. Sie wissen ganz einfach nicht wohin sie zurückkehren sollen. Und sogar wenn ihr Haus tatsächlich noch steht, wohnt möglicherweise bereits jemand anderes darin und es ist unmöglich festzustellen wer der rechtmäßige Besitzer ist.“

Aufstieg eines Idols

Desto weniger die Regierung in der Lage schien, die Folgen der Krise von 2006 zu bewältigen, desto populärer wurde Alfredo Reinado. Damals führte er eine Gruppe von Militärs und Sicherheitskräften aus der Hauptstadt Dili hinaus und obwohl er Premierminister Gusmao seine Gefolgschaft versicherte, blieb seine Rolle ungewiss. Er wurde schnell zum Idol der Jugend, der Veteranen und Armen in der Bevölkerung und zu einer Schlüsselfigur bei der Wiederherstellung des Friedens im Land.

Kurz nach seiner Inhaftierung im Zuge der Krise 2006, floh er aus dem Gefängnis Becora, zusammen mit 56 seiner Gefolgsleute. Später brüstete er sich in einem Interview damit, bei seinem Ausbruch den neuseeländischen Soldaten der internationalen Schutztruppe zugewinkt zu haben. In der Folge versteckte sich Reinado im Untergrund und alle Aufrufe Gusmaos, er solle sich der Justiz stellen, blieben vergebens. Im März 2007, nachdem die Männer Reinados ein Postamt überfallen hatten, bewilligte der Premierminister eine Operation der australischen Truppen die darauf abzielte, ihn gefangen zu nehmen. Bei der Aktion kam es zu mehreren Toten, doch Alfredo Reinaldo entkam – und wurde immer populärer.

Viele Menschen, denen die Unabhängigkeit bislang nur Enttäuschungen und Armut gebracht hatte, projizierten ihre Hoffnungen auf Major Alfredo Reinaldo. Charismatisch und mit einem Hang zur Theatralik, forderte er die Regierung immer wieder auf dreiste Art und Weise heraus. Von der jungen Generation, die ihre Helden verloren hatte, wurde er quasi zu einer romantischen Figur hochstilisiert. Max Stahl nannte ihn den „Che Guevara Osttimors“ : Ein Posterboy, dessen Konterfei in Graffitis auf die Mauern von Dili gesprüht wurde.

Gerüchte und Spekulationen

Und dann kam der mysteriöse Anschlag im Februar 2008. Die meisten Medien zögerten nicht die Attacke als Putsch- oder Mordversuch zu brandmarken, andere waren etwas vorsichtiger. James Dunn beispielsweise schrieb: „Wir wissen nicht genug über die Tat, da steckt sicherlich viel mehr dahinter als es auf den ersten Blick scheint. Es ist unwahrscheinlich dass es ein Putschversuch war, jedenfalls wäre er völlig stümperhaft geplant gewesen, was man sich bei einem ehemaligen Major der Armee nicht vorstellen kann.“

Es wird heute darüber spekuliert, Alfredo hätte durch die erfolgreichen Vermittlungsversuche von Präsident Ramos-Horta den Rückhalt innerhalb seiner Gefolgschaft verloren. Möglicherweise war der Anschlag - der mittlerweile mehr als Entführung denn als Mord- oder Putschversuch angesehen wird - ein Versuch den drohenden Verfall seiner Bewegung vorzubeugen. Die aktuellen Ereignisse in Osttimor haben jedoch zu einem regelrechten Durcheinander an Spekulationen und Vermutungen über die Hintergründe der Attacke geführt. Da nur wenige Informationen bekannt sind, konzentrieren sich die Mutmaßungen auf die möglichen Nutznießer eines Putsches und leiten daraus die Ereignisse des 11ten Februars ab. So verschwimmen in der Berichterstattung die Grenzen zwischen Gerüchten, Desinformation und voreiligen Schlüssen.

Major Alfredos Popularität, die auch nach seinem Tod andauert, bestätigt jedenfalls den sozialen Hintergrund der Krise: Er wird eher als der Held der Entrechteten angesehen, denn als gewaltbereiter Abtrünniger. Die Analysen sollten diesen Widerspruch berücksichtigen und der Frage nachgehen, warum dies der Fall war. Denn der Aufstieg und Fall des Alfredo Renaldo steht vielleicht sinnbildlich für die Frustration und die Perspektivlosigkeit der Jugend von Osttimor.

~ by 1000forgottenstories on March 4, 2008.

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